Arzt in der Schweiz werden
- doctorvitalis
- 24. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Vor vier Jahren (Dez. 2021) bin ich in die Schweiz gekommen. Es war ein Schritt voller Hoffnung, aber auch voller Ungewissheit. Als Arzt aus einem Nicht-EU-Land (Ukraine) war mein Weg deutlich komplizierter als für Kollegen aus Deutschland oder Frankreich.
Heute, nach vier Jahren im klinischen Alltag, kann ich sagen: Es ist machbar, aber man braucht einen klaren Plan. Um dir den Einstieg zu erleichtern, habe ich meine Erfahrungen in 5 entscheidende Schritte zusammengefasst.
1. Kann und will ich das?
Bevor ich meinen Weg in die Schweiz angetreten bin, musste ich mir klar werden, worauf ich mich einlasse. Die Schweiz bietet mir exzellente Arbeitsbedingungen, fordert im Gegenzug aber auch sehr viel von mir:
Meine Stellensuche: Als Drittstaatsangehöriger unterliege ich dem Inländervorrang. Ich musste also Kliniken finden, die bereit waren, den bürokratischen Aufwand auf sich zu nehmen und zu beweisen, dass sie für meine Stelle niemanden aus der Schweiz oder der EU gefunden haben.
Die Sprache: Hochdeutsch ist zwar meine Schriftsprache im Klinikalltag, aber im Kontakt mit meinen Patienten dominiert Schweizerdeutsch. Für mich ist das Verstehen der Dialekte essenziell, um eine echte therapeutische Beziehung aufzubauen.
Die Mentalität: Ich bewege mich hier in einer spezifischen Arbeitskultur. Von mir werden hohe Präzision und eine sehr kollegiale, aber gleichzeitig disziplinierte Kommunikation erwartet.
2. Die Sprache lernen
Ohne die Sprache gibt es keine Zulassung – das war mir von Anfang an klar. Offiziell benötigt man zwingend ein Zertifikat auf Niveau B2, aber aus meiner Erfahrung wird oft C1 empfohlen, um im klinischen Alltag wirklich sicher zu sein und die Verantwortung tragen zu können.
Mein Weg sah so aus:
Der Start: Ich habe Deutsch innerhalb von 1,5 Jahren bis zum B2-Niveau gelernt und das Goethe-Zertifikat erhalten.
Das Upgrade: Nach nur einem Jahr in der Schweiz habe ich bereits die TELC-Medizin-Prüfung auf C1-Niveau bestanden. Das war ein riesiger Meilenstein für meine fachliche Anerkennung.
Mein Tipp an dich: Fang so früh wie möglich an! Die medizinische Fachsprache unterscheidet sich massiv vom Alltagsdeutsch. Ohne ein solides Fundament wird bereits die Registrierung bei den Behörden (MEBEKO) schwierig.
Man darf auch nicht vergessen: In der Schweiz gibt es vier Landessprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch). Je nachdem, in welchem Kanton du arbeiten willst, ändern sich die Anforderungen. In der Deutschschweiz ist zudem das Verstehen von Schweizerdeutsch der eigentliche "Endgegner" im Klinikalltag.
3. Alle Unterlagen vorbereiten
Diesen Schritt habe ich am Anfang fast unterschätzt, aber er war einer der intensivsten Teile meines Weges. Die Schweizer Behörden sind sehr präzise, und man benötigt eine riesige Menge an Unterlagen, die oft beglaubigt und offiziell übersetzt werden müssen.
So bin ich vorgegangen:
Diplome & Registrierung (noch keine Anerkennung): Ich musste meine Originalurkunden einreichen, um überhaupt den Prozess der Registrierung (MEBEKO) zu starten.
Das Curriculum: Das war besonders aufwendig. Ich brauchte detaillierte Nachweise über die Inhalte meines Studiums.
Berufserfahrung: Alle meine bisherigen Arbeitszeugnisse und Nachweise über meine klinische Tätigkeit mussten lückenlos dokumentiert sein.
Bürokratie-Check: Identitätsnachweise und aktuelle polizeiliche Führungszeugnisse aus meinem Herkunftsland waren Pflicht.
Mein wichtigster Rat aus eigener Erfahrung: Fangt so früh wie möglich an, diese Dokumente zu sammeln! Die Beschaffung im Herkunftsland dauert oft viel länger, als man denkt. Ich habe gelernt: Je besser die Unterlagen sortiert sind, desto reibungsloser läuft das Visums- und Anerkennungsverfahren. Ohne diese Vollständigkeit geht in der Schweiz gar nichts.
4. MEBEKO und MedReg
Da mein Diplom nicht aus einem EU-Staat stammt, war die MEBEKO (Medizinalberufekommission) meine wichtigste und gleichzeitig anspruchsvollste Anlaufstelle. Ohne deren grünes Licht bleibt die Tür zur ärztlichen Tätigkeit in der Schweiz verschlossen.
So sah mein Prozess aus:
Die Diplomprüfung: Ich musste mein gesamtes Studium zur Prüfung einreichen. Dabei geht es um die sogenannte indirekte Anerkennung oder eine detaillierte Vorprüfung, um festzustellen, ob mein Abschluss dem schweizerischen Standard entspricht.
Das Sprachregister: Sobald ich mein Sprachzertifikat (wie mein C1-Zertifikat) in den Händen hielt, war der nächste Schritt der Eintrag ins MedReg (Medizinalberuferegister).
Kein Eintrag, keine Arbeit: Das ist ein Punkt, den viele unterschätzen: Ohne diesen offiziellen Eintrag im MedReg darf ich in der Schweiz schlichtweg nicht ärztlich tätig sein. Es ist die rechtliche Basis für alles Weitere.
Mein Fazit: Dieser Prozess braucht Geduld und Präzision. Aber wenn man die MEBEKO-Hürde erst einmal genommen hat, ist der schwierigste Teil der Bürokratie geschafft!
5. Die Suche nach der Stelle als Assistenzarzt
Nachdem ich die bürokratischen Hürden gemeistert hatte, begann für mich die eigentliche Bewerbungsphase. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass die Strategie entscheidend ist.
So bin ich vorgegangen:
Der Blick über den Tellerrand: Ich habe mich nicht nur auf die grossen Universitätsspitäler konzentriert. Mein Tipp aus eigener Erfahrung: Peripherie-Spitäler (kleinere Kliniken ausserhalb der Zentren) sind oft viel offener für Bewerber aus Drittstaaten. Zudem ist die Ausbildung dort oft exzellent und sehr persönlich.
Netzwerken und Referenzen: In der Schweiz sind Empfehlungen Gold wert. Ich habe versucht, Kontakte zu knüpfen und Referenzen anzugeben. Ein gutes Wort von einem ehemaligen Oberarzt oder Kollegen kann hier Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben.
Der lange Atem: Selbst nach der Zusage des Spitals musste ich geduldig bleiben. Der Prozess für die Arbeitsbewilligung und das Visum ist bei uns Drittstaatsangehörigen aufwendig und hat bei mir noch einige Monate in Anspruch genommen. Ich habe ca. 50 Absagen erhalten, bevor ich eine passende Stelle gekriegt habe.
Mein Rat an euch: Lasst euch von der Wartezeit nicht entmutigen. Wenn man die Zusage der Klinik erst einmal hat, ist das Ziel in greifbarer Nähe!
Mein Fazit nach 4 Jahren
Der Weg war steinig, besonders wegen der administrativen Hürden für Nicht-EU-Bürger. Aber die Schweiz bietet eine Lebensqualität und ein professionelles Umfeld, das die Mühe wert ist. Bleib hartnäckig!



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